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Hotels für Singles
Kurzgeschichte 1




Im Gegensatz zu den Gruppen-Reisen
stellt Monika E. Khan hier Individual-Reisen
für Singles und Alleinreisende vor


Kurzgeschichte "Spurensuche" für alleinreisende Singles
von Monika E. Khan

Spurensuche

Erstes  Kapitel

Fertig zur Abreise, stand ich im Flur und warf noch schnell einen Blick in den Spiegel. Dann aber nichts wie los, denn in fünfzehn Minuten fuhr der Bus. Beim Betrachten meines Outfits fiel mir meine große schwarze Handtasche ins Auge, die meiner Meinung nach, so gar nicht zur übrigen Kleidung, die in Brauntönen gehalten war, passte. Wenn ich mich beeile, kann ich sie ja noch schnell umpacken, überlegte ich kurz. Gedacht, getan. Dann wurde es allerhöchste Zeit, Einen letzten Blick in den Spiegel. Na, wer sagt denn, sieht doch gleich viel harmonischer aus.

Hamburg aus der Vogelperspektive zu betrachten, darauf hatte ich mich schon die ganzen Tage gefreut und setzte mich auf meinem reservierten Platz am Fenster. Ein junger Mann nahm neben mir Platz. Schon wieder so ein Morgenmuffel. Kein Guten Morgen. Nichts. Kaum war die Stewardess in Sicht, fragte er sie auch noch, ob er sich woanders hinsetzen dürfte. Ja hinten sei noch was frei, meinte sie. Aha, ihm passt es anscheinend nicht, dass ich am Fenster sitze. Das kenne ich schon, das habe ich schon des Öfteren erlebt. Gerade bei Geschäftsleuten. Und er schien auch einer zu sein. Soll er ruhig mucks sein, ist mir auch egal. Einmal habe ich erlebt, dass so ein Muffelkopf, während des Fluges zwischen Dubai und Frankfurt, nicht ein einziges Wort von sich gab. Na, ja nicht ganz. Ich wünschte ihm beim Essen „Guten Appetit“! Da musste er ja wohl oder übel „Danke“ sagen. Das war es dann, mehr kam nicht aus seinem Mund. Wenigstens hatte er eine Stimme.

Für den heutigen Flug nach Zürich habe ich, wie fast immer, wenn ich fliege, einen Fensterplatz ergattern können. Ganz wichtig ist es aber bei der Reservierung darauf zu achten, das der Fensterplatz nicht in der Nähe der Flügel (Tragflächen) ist, sonst wird es nichts mit der schönen Aussicht. Doch heute war trotzdem nichts mit Kucken. Es hatte angefangen zu schneien. Oh Wunder, wiedererwarten fing mein Flugnachbar doch noch ein Gespräch mit mir an. Dabei vergaß er völlig, dass er sich umsetzen wollte. Ehe wir uns versahen, hatten wir bereits den Zürcher Flughafen erreicht.

Angekommen am Zürcher Hauptbahnhof, schloss ich mein Gepäck ins Schließfach, denn ein Hotel hatte ich nicht im Voraus gebucht. Das mache ich öfter, wenn ich allein unterwegs bin. Die meisten Hotels nehmen ja bekannterweise einen hohen Einzelzimmerzuschlag. Gerade in den beliebtesten Städten weltweit ist es so. Da ist es in Zürich auch nicht anders. Je mehr Sterne das Hotel besitzt, je mehr Einzelzimmerzuschlag verlangt es. Meistens nehmen sie gleich den ganzen Doppelzimmerpreis, weil viele Hotels keine Einzelzimmer mehr besitzen. Das muss man sich mal vorstellen, obwohl weltweit die Singles zunehmen. Aber anscheinend haben die meisten Hotels es nicht nötig auf die Singles, die privat reisen, Rücksicht zu nehmen. Denn bei Geschäftsreisenden übernehmen ja die Arbeitgeber die Kosten. Dafür nimmt der Luxus immer mehr zu. Aber Luxus brauch ich nicht, wenn ich allein auf Tour bin. Deshalb suche ich mir in Ruhe eine einfache günstige Unterkunft und prüfe vor Ort, was mich erwartet, bevor ich mich entscheide.

Im Informationszentrum am Bahnhof besorgte ich mir einen Stadtplan und trottete los. Gleich im Bahnhofsviertel fing ich an zu suchen. Relativ schnell entdeckte ich in einer Seitenstraße ein kleines Hotel, mit dem verheißenden Namen „Hotel zur Krone“. Von außen nichts besonderes doch drinnen in der kleinen Empfangshalle, sah es recht gemütlich aus. Eine junge freundliche Dame empfing mich an der Rezeption. Vorsichtshalber bat ich sie mir gleich drei Schlüssel von verschiedenen Zimmern mitzugeben. Das spart die hin und her Rennerei, falls mir das eine oder andere Zimmer nicht gefällt. Es war ja noch früh am Tag und das Wochenende stand vor der Tür. Es schien genug frei gewesen zu sein, denn bereitwillig gab sie mir die Schlüssel. Das erste Zimmer war nach hinten zum Hof gelegen, sehr dunkel, klein und verraucht. Das zweite Zimmer zwar etwas größer, aber genau so verraucht. Der letzte Schlüssel war für ein Zimmer im vierten Stock. Nun musste ich wohl oder übel die Treppen hoch stiefeln, denn einen Fahrstuhl gab es nicht. Der Weg hat sich gelohnt, das Zimmer war hell und ordentlich eingerichtet außerdem kuschelig warm und kein Zigarettengestank wehte mir entgegen, als ich es betrat. Vom Fenster aus hatte ich einen herrlichen Blick über die Altstadt von Zürich. Ein Waschbecken, mit fließendem warm und kalt Wasser, war im Zimmer. Die Gemeinschaftsduschen und Toiletten befanden sich auf dem Flur. Alles war picobello sauber.

„Das Zimmer 412 im vierten Stock nehme ich „sagte ich der jungen Dame, als ich unten wieder ankam.
„Was kostet es überhaupt?“
„Fünfzig Euro mit Frühstück. Wie viele Nächte bleiben Sie?“ forschte sie nach.
„Drei Nächte.“
„Zahlen sie bar oder mit der Scheckkarte?“
„Eine Scheckkarte besitze ich nicht, nehmen Sie auch eine EC-Karte?“
„Ja, sicher“.

Automatisch griff ich ins Seitenfach meiner Handtasche, doch da war sie nicht. Komisch, dachte ich, ich weiß ganz genau, dass ich sie dort hineingelegt habe. Dann schaute ich ins Portemonnaie, auch nichts. Verdammt, murmelte ich, wo hab ich denn bloß meine EC-Karte gelassen. Allmählich wurde mir ganz mulmig zu mute. Bleib ganz ruhig und packe deine Handtasche in Ruhe aus. Irgendwo muss sie ja schließlich sein. Plötzlich lief es mir siedendheiß über den Rücken. Ich dummes Schaf, beim Handtaschentausch habe ich garantiert die Seitentasche vergessen umzupacken.
„Ich zahle bar“, sagte ich zur Rezeptionistin gewandt und reichte ihr meinen Ausweis. Nachdem ich mein Gepäck vom Bahnhof abgeholt und aufs Zimmer gebracht hatte, stiefelte ich los. Denn es war Freitag und wer weiß wie lange die Banken noch geöffnet haben. Iich hatte da eine Idee, wie ich vielleicht zu Geld kommen könnte.

Ich ging zur Bahnhofsstraße, denn ich erinnerte mich, dass hier das Zentrum der Stadt liegt und wohl auch die Bank, die ich suchte dort zu finden sein wird. Mich wunderte, dass es um diese Jahreszeit, Anfang April, in Zürich erheblich kälter war als in Hamburg. Für diese Kälte waren meine leichten Slippers und Nylonstrümpfe, die ich unter der langen Hose trug, nicht geeignet. Ein paar warme Socken, die ich im Kaufhaus erstand, sollten da Abhilfe schaffen. Nicht weit vom Kaufhaus entfernt stand ich dann vor einer Bank, bei der auch ich seit Jahren ein Konto in Deutschland hatte und mit meinem Ausweis, würde ich da schon Geld bekommen, recherchierte ich. Eine wohlige Wärme umgab mich, als ich die Empfangshalle betrat. Suchend sah ich mich um und fragte dann der jungen Dame an der Rezeption:

„Wo finde ich hier ihre Schalterhalle?“.
„Hier gibt es keine Schalterhalle“.
„Wie bitte? Keine Schalterhalle? Eine Bank ohne Schalterhalle“? wiederholte ich ungläubig. Das hatte ich auch noch nicht erlebt.
„Wir sind eine Investmentbank, und brauchen daher keine Schalterhalle“, erklärte sie mir.
Krampfhaft überlegte ich, was ich als nächstes machen könnte, um an Bargeld zu kommen. Dann sagte ich: „Na, ja eine Beratung brauche ich auch“.

Meine Stimmung erhellte sich bei dem Gedanken, dass mir ja vielleicht der Sachbearbeiter der Bank aus der Patsche helfen könnte.
„Dann nehmen sie bitte einen Moment Platz, ich werde einen Investmentberater für Sie informieren"
„Danke“! Ich drehte mich um und ging auf einem der großen Sessel zu, erleichtert ließ ich mich in die weichen Polster fallen und zog mir in aller Ruhe erst einmal die herrlich warmen Socken an.
„Was haben Sie denn“? Ein junger Mann stand plötzlich vor mir und lächelt mich unverschämt höflich an.
„Nur kalte Füße, deshalb ziehe ich mir ja gerade die warmen Socken an.“
Als ich damit fertig war, sagte er: „Gut, dann bringe ich Sie jetzt zu einem Berater“, und führte mich in einen kleinen Konferenzraum. Bevor er den Raum wieder verließ, fragte er: „Darf ich Ihnen Kaffee oder Tee anbieten“? „Oh, ja gern, Kaffe das wäre toll, wenn es geht auch noch ein stilles Mineralwasser“. „Selbstverständlich“, erwiderte er, „der Berater, wird dann auch gleich kommen“, und verschwand.

Aha, es war noch nicht der eigentlich Berater, sondern sein Adjutant, ganz schön vornehm hier. Allein im Zimmer holte ich mein Portemonnaie aus der Handtasche und machte erstmal Kassensturz. Ganze 170 Euro hatte ich dabei. Wenn ich wirklich kein Geld bekomme, wird es eng mit den drei Nächten in Zürich, das kann ich mir dann wohl abschminken. Ach ne, das geht ja auch nicht, verwarf ich den Gedanken gleich wieder, denn ich kann ja erst am Montag mit der Maschine um 7.00 zurückfliegen. So ist es mit den Billigtickets, sie gelten nur an bestimmten Tagen und zu bestimmten Flugzeiten.

„Schönen guten Tag“, unterbrach eine Männerstimme meine Gedanken. Schnell ließ ich mein Portemonnaie in die Handtasche gleiten und setzte mich kerzengerade hin. Damit ich möglichst glaubwürdig aussehe. Wir haben uns dann über diversen Anlagenmöglichkeiten unterhalten, die ich später meinem Mann unterbreiten wollte, wie ich ihm sagte. Als letztes erzählte ich ihm von meinem Missgeschick mit der EC-Karte und fragte ihm, ob er irgendeine Möglichkeit hätte, mir etwas Geld zu beschaffen. Konnte er nicht, auch nicht auf meinem Hinweis hin, dass wir bereits seit 35 Jahren Kunden bei der Bank waren, und er ja mal nachsehen könne, dass unsere Konten gedeckt sind.
„Tut mir leid, aber so gern ich Ihnen helfen möchte, wir verfügen hier über kein Bargeld, leider“, fügte er noch hinzu.
Da redet man über Geldanlagen, aber ein paar kleine Scheine in bar sind nicht zu bekommen. Na wenigsten hatte ich zwei Tassen Kaffe getrunken, ein paar Kekse gegessen und die Flasche Mineralwasser nahm ich mir für unterwegs auch noch mit. „Selbstverständlich meinte er, kein Problem“. Für mich hieß es ab sofort sparen, sparen, sparen. Mal sehen wie weit ich mit dem Geld komme. Ich bedankte und verabschiedete ich mich von dem Banker.

Als ich wieder draußen auf der Straße stand, schaute ich auf die Uhr, es war nachmittags kurz vor drei Uhr. Fein, da konnte ich ja noch was unternehmen und was das Geld betraf, machte ich mir im Moment noch keine Sorgen. Kommt Zeit, kommt Rat. Mir würde schon zur gegebenen Zeit eine Lösung einfallen, da war ich mir ganz sicher. Nun wollte ich erst einmal in Erinnerung schwelgen, doch dazu musste ich mich auf Spurensuche begeben. Schnurstracks ging ich zum Zürcher Hauptbahnhof.

---

 

Zweites  Kapitel

Zunächst schaute ich mir den Fahrplan in Richtung Herrliberg an, ein kleiner Ort am linken Ufer, des Zürichsees  gelegen. Der Zug fuhr alle halbe Stunde in beide Richtungen.  Bereits nach zehn Minuten saß ich im oberen Abteil in einem Doppeldeckerzug in Richtung Herrliberg und ließ rechts den Zürichsee und links die leicht hügelige Landschaft an mir vorbei gleiten. Vierzig Jahre waren vergangen seit ich diese Strecke gefahren bin. Ich war gespannt, was mich in Herrliberg erwartet. Ob die Familie Reiners noch lebt, bei denen ich damals für ein Jahr als Haustochter angestellt war. Seither bin ich nicht wieder dort gewesen. Es hatte sich einfach nicht ergeben.  Je mehr sich der Zug Herrliberg näherte, je aufgeregter wurde ich. Kenne ich überhaupt was wieder nach all den Jahren? Herrliberg wird sich, genauso wie alle anderen Orte auf dieser Welt, verändert haben. Bereits am Bahnhof erkannte ich nichts wieder. Ich fragte einen jungen Mann, der mit mir aus dem Zug stieg, nach einer Straße mit dem Namen „Im  Hummrigen“.
 „Im Hummrigen“? wiederholte er ganz langsam und überlegte. „Nein, eine Straße, die so heißt kenne ich nicht, meinen sie vielleicht die Hummrigen Straße? Das ist die große Straße gleich da vorn, kommen Sie mit ich gehe auch dort hin“. So trottete ich neben ihm her und erzählte ihm meine Geschichte von der kleinen Straße, in der damals nur ein paar Einfamilienhäuser standen.
 „Ich schlage Ihnen vor, Sie gehen bis ans Ende dieser Straße und sehen dann weiter, vielleicht liegt sie ja da oben irgendwo.“
 „Ja, vielen Dank, das mach ich“. Mein Begleiter verabschiedete sich und bog in die nächste Seitenstraße. Langsam schritt ich meines Weges, denn es ging stetig bergan. Sie wollte einfach kein Ende nehmen. Nichts, rein  gar nichts erinnerte mich an früher. Na hoffentlich bin ich richtig, allmählich wuchsen mir Zweifel. Plötzlich hörte ich Wasser rauschen. Mensch, schoss es mir durch den Kopf, das stimmt ja, unmittelbar vor dem Haus war ja ein kleiner Bach. Am Bach blieb ich stehen und schaute verträumt wie das Wasser über zwei  Felssteine plätscherten, dann schweifte mein Blick zu den hohen Tannen, die das Ufer säumten. Ich traute meinen Augen nicht, durch zwei Tannen hindurch fiel mein Blick auf ein Haus, das noch genauso aussah, wie vor vierzig Jahren. Es war auf einem kleinen Hügel erbaut. Die markante Garagenauffahrt mit ihren weißgetünchten Wänden und den braunen Felssteinen, war unverkennbar. Wie gut das ich mir Zuhause das Bild im Fotoalbum noch einmal angesehen hatte, so erkannte ich es sofort wieder.

 Ich war am Ziel! Meine Gedanken überschlugen sich. Falls die Reiners noch leben, wohnen sie noch in dem Haus? Oder hat eins der Kinder das Haus übernommen? Vielleicht wohnen Fremde darin? Den letzten Gedanken verwarf ich schnell wieder, dann wäre bestimmt etwas am Haus verändert worden. Ich fasste mir ein Herz und ging die Stufen, die zur Eingangstür führten hinauf, schaute auf das Namensschild. Tatsächlich  „Reiners“ stand drauf. Mein Herz fing an zu rasen. Bleib ganz ruhig, tief ein- und ausatmen und ohne weiter zu überlegen, drückte ich auf den Klingelkopf. Sekunden wurden zu endlosen Minuten, nichts regte sich. Gerade wollte ich meinen Finger noch einmal auf den Klingelknopf drücken, da hörte ich ein Geräusch. Eine  kleine Luke, die sich im oberen Teil der Tür befand, öffnete sich von Innen. Ein Gesicht kam zum Vorschein, das sich nur vom Alter her verändert hatte. Es war dasselbe schlanke Gesicht und die freundlich lächelnden braunen Augen von Früher.
„Gruezi“, sagte Frau Reiners, einwenig überrascht als sie mich sah. So, wie man jemandem anschaut, den man nicht kennt.
 „Einen schönen guten Tag, mein Name ist“, ich stockte, denn ich wollte gerade meinen jetzigen Familiennamen sagen, doch dann besann ich mich: „Seifert, Erika Seifert, ich komme aus Hamburg und war vor vierzig Jahren bei Ihnen als Haustocher beschäftigt“. Sendepause. Frau Reiners schaute mich nun argwöhnisch an und sagte:
“Ich kenne keine Erika, wir hatten mehrere Mädchen aus Hamburg, aber eine Erika, nein, die war nicht dabei“. Wieder stockte sie und schien zu überlegen. Mir rutschte inzwischen das Herz in die Hose. Alles umsonst, dachte ich. Dann sagte sie:
„Aber wir hatten hier mal eine Monika aus Hamburg“.
 „Ja genau, die bin ich, Monika ist mein Kosename und Erika mein Geburtsname. Mir fällt gerade ein, weil Sie auch Erika mit Vornamen heißen, haben Sie mich bei meinem Kosenamen Monika genannt“.
 „Das ist aber eine Überraschung“, nun strahlte sie übers ganze Gesicht, „die Monika, die das Fürst Pückler Eis bei uns eingeführt hat und unsere Ragili (damals 3 Jahre Alt) benutzt immer noch das Wort Abendbrot. 
„Aber“, wieder stutzte sie, „ unsere Monika von damals war eine Brünette und keine Blonde“.
„Na ja, seit ein paar Jahren blondiere ich mir die Haare“.
 „Sie müssen mich entschuldigen, aber ich kann Sie leider nicht hineinbitten, denn ich  habe einen  ganz wichtigen Termin und müsste schon längst weg sein, wie lange sind Sie noch in Zürich“?
 „Bis Montag“ .
Nach kurzem überlegen sagte sie: „ Wie wäre es mit morgen, hätten sie nicht Lust zum  Mittagessen zu kommen“?
„Ja, gern“, erwiderte ich freudig überrascht.
Zu guter Letzt schlug sie mir vor: „Wenn es Ihnen Recht ist, hol ich sie auch vom Bahnhof mit dem Auto ab, dann brauchen sie  nicht den ganzen Berg rauf zu laufen“. Noch einmal entschuldigte sie sich, dass sie mich nicht  ins Haus bitten konnte.
 „Aber das macht doch nichts, ich bin ja so glücklich, dass ich Sie überhaupt angetroffen habe. Lebt Ihr Mann auch noch“?
„Ja“.
„Grüssen Sie ihn von mir, ich freue mich auf morgen“. „Auf Wiedersehen“. „Auf Wiederlurge“. Bei diesen Abschiedsworten wurde mir ganz warm ums Herz. Unglaublich, vom Bahnhof bis hierher hatte sich alles verändert, nur dieses Haus war unverändert geblieben. Mit mir und der Welt zufrieden ging ich zur Hauptstraße zurück.

Statt rechts hinunter zum Bahnhof zu gehen, bog ich nach links in den Wanderweg, der  von Wiesen umrahmt war. Der Weg verlief weiter stetig bergan. Von weitem sah ich eine einsame Bank unter einem mächtigen Baum stehen. Hier hatte ich oft in meiner Mittagspause gesessen und den traumhaften  Ausblick auf die Berglandschaft und den Zürichsee genossen. Während ich zur Bank schlenderte tat sich mir ein grandioses Bergpanorama auf. Wie gebannt blieb ich stehen  und schaute auf schneebedeckte Gletscher die zum Greifen Nahe zu sein schienen. Das passiert nicht oft, denn immerhin liegen die schneebedeckten Gletscher noch weit entfernt. Ausgerechnet an diesem Tage ließen das Wetter und die Sichtverhältnisse die mächtigen Gletscher so Nahe rücken. Früher kannte ich auch ihre Namen. Herr Reiners hatte mir jeden einzelnen Gletscher erklärt. Tränen vor Glück kullerten mir  übers Gesicht. Still sandte ich ein Dankeschön nach oben. Allein für diesen Moment hatte sich meine Reise nach Zürich gelohnt.  Eine ganze Weile noch rührte ich mich nicht vom Fleck und schaute verträumt auf die schneebedeckten Gletscher. Wahrscheinlich ist solche Sentimentalität normal, wenn man aus dem Platten Norden kommt. Schweren Herzens musste ich mich auf den Heimweg machen, denn es fing an schummerig zu werden. Immer wieder musste ich im Gehen zurückzuschauen, bis dieses märchenhafte Bild aus meinem Blickfeld verschwand.

Ungefähr auf halber Höhe der Hummrigen Straße bog ich rechts in eine Seitenstraße. In der Hoffnung  sie führt in den Ortskern. Mal sehen ob mir noch weitere Erinnerungen in den Sinn kommen. Weit brauchte ich nicht zu laufen, da stand ich vor der modernen katholischen Kirche, die damals gerade neu erbaut war. Neben der Kirche stand das Haus indem  Walburga, die ich hier kennen lernte und meine Freundin wurde, auch als Haustochter arbeitete. Sie war auch Deutsche und kam aus dem Siegerland. Den Namen Haustochter fand ich damals schon toll. Im Grunde waren wir Hausangestellte mit Familienanschluss. Auch dieses hübsche Holzhaus war unverkennbar, es hatte durch seine moderne bauweise ein ganz eigenes Gesicht. Wenn Walburga wüsste, das ich hier stehe, was würde sie wohl sagen, denn auch sie, dass wusste ich, war nie wieder hier gewesen. Schade, ich hatte noch kein Handy, sonst hätte ich sie angerufen. Als ich weiter durch den Ort schlenderte, fiel mir Hans-Ulli Baumeler ein. Er wohnte  in einem Reihenhaus gleich hinter der alten evangelischen Kirche. Hans-Ulli gehörte zu einer Clique, junger Menschen mit denen wir, Walburga und ich, in unserer Freizeit sehr viel zusammen waren. Kurze Zeit später stand ich vor der alten evangelischen Kirche. Außer dieser Kirche  kam mir nichts vertraut vor. Die Häuserblocks die rechts an der Dorfstraße standen waren Neubauten. Ich ging um die Kirche herum und entdeckte eine Gruppe Reihenhäuser, die modernisiert zu sein schienen.

Am letzten Eingang des Reihenhauses begann ich die Klingelschilder abzuklappern. Bereits beim dritten Türschild wurde ich fündig. Kaum zu glauben, so viel Glück kann man doch gar nicht haben. Wenn ich bedenke, wie oft ich im Leben umgezogen bin. Voller Erwartung  klingelte ich, denn egal wer da wohnt meine Fragen konnte ich stellen. Eine betagte einfache Dame öffnete die Tür und musterte mich von oben bis unten. „Einen schönen guten Tag Frau Baumeler, entschuldigen Sie bitte die Störung, mein Name ist Schubert ich komme aus Hamburg. In den fünfziger Jahren habe ich für ein Jahr in Herrliberg gelebt und war mit Ihrem Sohn Hans Ulli befreundet, nun hätte ich gern gewusst wie es ihrem Sohn geht und ob Sie mir evtl. seine Telefonnummer geben könnten“, schloss ich meine ausführliche Erklärung, warum ich hier stehe.
 “Der Hans-Ulli wohnt schon lange nicht mehr hier, sondern auf der anderen Seite des Sees in Hogen“, argwöhnisch schaute sie mich an und mit einem
vorwurfsvollen Ton in der Stimme fuhr sie fort: „ Außerdem ist Hans-Ulli verheiratet“.
 „Das ist schön, ich bin es auch und das schon seit achtunddreißig Jahren und daran soll sich auch in Zukunft nichts ändern“ untermauerte ich meine Aussage, aber weil wir früher so eine nette Clique waren, dachte ich mir, da ich schon mal hier bin, frische ich alte Erinnerungen auf.“ Nun war das Eis gebrochen. Sie gab mir bereitwillig seine Telefon Nummer, aber reingelassen hat sich mich  trotzdem nicht. Ich bedankte und verabschiedete mich. War das ein erfolgreicher Tag!

Obwohl es bereits spät geworden war, als ich mein Hotelzimmer betrat, versuchte ich  noch am selben Abend Hans Ulli anzurufen. „Baumeler“, kam die Stimme vom anderen Ende. „Monika Schubert, das heißt geborene Seifert, ich war vorhin bei deiner Mutter und  habe mir deine Telefon Nummer geben lassen“.
„Ich weiß“, unterbrach er mich, „meine Mutter hat mich auch inzwischen angerufen“, und nach einer kleinen Atempause, „aber  ehrlich, ich kann ich mich überhaupt nicht  an dich erinnern“.
Ich war platt! Erinnerungen an damals schossen mir durch den Kopf. Gerade der Hans Ulli, mit dem ich auch in meiner Freizeit viele gemeinsame Wanderungen unternommen hatte, nur er und ich. Wir waren beide, der Natur sehr verbunden. Und nun  konnte er sich nicht an mich erinnern? Dabei hatte ich damals das Gefühl, er wollte mehr. Doch für mich war er ein guter Freund und ein netter Kumpel, mehr nicht.

 „Das gibt’s doch nicht, platzte es ganz enttäuscht aus mir heraus, „wir waren doch eine richtige Clique, zu der auch Walburga gehörte“. Stille am anderen Ende der Leitung. Dann:
 „Walburg? Ja, an die kann ich mich noch erinnern.“
Nun war ich sprachlos, denn ich konnte mich nicht erinnern, dass die beiden auch so oft zusammen waren, wie wir beide. Ich sagte aber nichts. Wir unterhielten uns noch eine Weile über dies und das. Anscheinend war er neugierig geworden, denn er fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, morgen zum Kaffe zu ihnen nach Hause zu kommen, dann könnte er mich ja auch noch einwenig mit dem Auto durch die Gegend kutschieren.“
„Ja, sehr gern Danke, das trifft sich gut, denn  um zwölf Uhr bin ich in Herrliberg bei der Familie Reiners zum Mittagessen eingeladen, aber wie komme ich auf die andere Seite des Sees“? „Kein Problem, alle zwanzig Minuten verkehrt eine Fähre zwischen Herrliberg und Hogen, passt es dir, wenn ich dich um vier Uhr von der Fährstation abhole?“.
Natürlich passte es mir.

Immerhin wir werden uns wieder sehen. Gespannt auf den nächsten Tag schlief ich ein.

Fortsetzung folgt !

 

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